Der Geheimdienstmann und Schriftsteller Eichenberger schreibt
zu diesem Thema in seinem Roman
»Der
Siegermacher«:
Zimmer 312 war tatsächlich freigehalten worden.
Wahrscheinlich war das Zimmer aber verwanzt. In den Lehrfilmen der
Desinformation, besser als James-Bond-Filme bekannt, findet der Held mit einem
piepsenden Kästchen dann die Wanze. In Wirklichkeit müsste man sämtliche
elektrischen Geräte wie Radio, Wecker, Telefon, Lampen und die entsprechenden
Steckdosen aus dem Zimmer entfernen. Dann müsste man die
Klimaanlagenverblendungen ausbauen und die Lüftungsschächte inspizieren. Hat man
danach noch die Fußbodenleisten abgerissen, zwischen die Doppelfenster
Plastikfolien geklebt, die Möbel zerlegt, die Matratzen aufgeschnitten, kann man
sich zu 90 Prozent sicher sein, dass ein professioneller Dienst hier nur noch
das Klagen des Hoteldirektors über den Zustand des Zimmers vernimmt. Denn mit
Piepsern aus dem Versandhaus für Detektive kann man zum Teil noch nicht einmal
die Wanzen finden, die im selben Heft angeboten werden.
»Entschuldigung«, meinte Richard und legte den Schlüssel
auf den Tresen, »könnte ich das Zimmer tauschen, vielleicht mit 414?«
Unter dem Stichwort →
Abhörmaßnahmen haben wir dies bereits zitiert und deutlich gemacht: Man kann sich gegen
professionelle Dienste nur dadurch wehren, indem man überraschend den Ort
wechselt. Und diese Abwehr ist sehr kurzfristig.
Selbstverständlich darf man weder telefonieren noch sollte
man ein Handy mit sich führen, soll verborgen bleiben, dass man sich mit
jemanden bestimmten getroffen hat. Und wer mit einer Kreditkarte bezahlt,
beweist nicht nur, dass er liquide ist, sondern hinterlässt ebenfalls ein
Bewegungsprofil. Es ist für einen normalen Geschäftsmann nicht möglich, sich
einem geheimdienstlichen Angriff zu entziehen.
Wer glaubt, mit einer bestimmten Verschlüsselungstechnik
seine E-Mails für Dritte unlesbar machen zu können, wird eines mit Sicherheit
erreichen: Er macht auf sich aufmerksam. Ist man erst einmal interessant,
arbeitet auch bald der eigene Computer für die Gegenseite. Immer vorausgesetzt
natürlich, die Gegenseite ist ein potenter Geheimdienst. Gegen verbrecherische
Banden, die an fremde Kontodaten etc. gelangen wollen, reichen in der Regel die
einschlägigen Sicherheitsmaßnahmen, befolgt man sie auch und aktualisiert die
entsprechende Software regelmäßig.
Jedwede Anstrengung in Richtung Abhörschutz erfordert sehr
schnell eigene Konspiration. Ob der Ehemann seine Frau mit der Sekretärin
betrügt, der Millionär aus steuerlichen Gründen zum Schein seinen Wohnsitz ins
Ausland verlegt, der Konkurrent sich einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen
will, das Schwarzgeldkonto in der Schweiz auf den Namen der Putzfrau angelegt
ist, stets glaubt man, einen konkreten Gegner abwehren zu müssen und lebt in der
Illusion, dass dieser Gegner irgendwo in der eigenen Umgebung auch zu orten sein
müsse. Dabei wird die Tatsache vernachlässigt, dass die schützenswerte Operation
oder der schützenswerte Zustand in einem multipersonellen Komplex schwebt. Fährt
z. B. der Ehemann angeblich zum Kongress, obwohl es ihn nach etwas anderem
gelüstet, findet der Angriff eventuell auf Seiten der Sekretärin statt. Sie wird
observiert, ihr hat man den Reisewecker mit Abhörvorrichtung geschenkt, bei
ihrem Handy schöpft man die Verbindungsdaten ab usw. Folglich nutzt es nichts,
fährt der Mann Umwege, schlägt Haken und schaut in den Rückspiegel und
inspiziert das Hotelzimmer.
Und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschäftsführer
vor zwei Jahren, warum er als Geschäftswagen einen Porsche fahren will und
keinen Mercedes-Kombi, ist eventuell bereits die Grundlage dafür, dass sich der
verärgerte Angestellte jede Woche eine Sicherungskopie der EDV-Anlage mitnimmt.
Welche Sache vergessen ist, welche latent einen Menschen beschäftigt, sieht man
jemand nicht an der Nase an. In diesem Fall wurde wohl nicht abgehört, jedoch wird er beim heutigen
Dokumentierungswahn des modernen Managements lückenlos alle wichtigen
Gesprächsprotokolle haben.
Wenn ein vertrauenswürdiger Geschäftspartner sein Handy kurz
vor der Besprechung auf stumm stellt, bedeutet dies nicht, dass das Gerät
bewusst oder auf Grund einer Fehlbedienung noch eine Verbindung aufrecht erhält.
Hier noch ein Test Ihrer Sensibilität in punkto Abhörschutz:
Ihre Putzfrau hat mit einem feuchten Tuch den Computerbildschirm abgewischt. Das
sollte man nicht tun, denn der Bildschirm flimmert plötzlich. Sie kaufen
sich einen neuen Bildschirm und da man dem Computerfachmann nicht trauen sollte,
kaufen Sie den Bildschirm selbst aus dem Regal im Supermarkt und lassen ihn nur
noch installieren. Zwei Tage später werden sämtliche Gespräche, die Sie an Ihrem
Schreibtisch führen, abgehört. Wie kann dies sein? Was ist passiert?
So ist das eben mit der Zauberei. Der Angreifer ist weder die
Putzfrau noch der Computerfachmann. Flimmert ein Bildschirm, sucht man, wie auch
sonst im Leben, eine Ursache. Eine naheliegende ist der feuchte Lappen. Dass aber
der Bildschirm flimmert, wurde forciert. Derartiges ist von jedem, der es
versteht und nur für
kurze Zeit in die Nähe des Bildschirms kommt, zu bewerkstelligen. Ihr defekter
Bildschirm ist nämlich die Voraussetzung für den Angriff, weil man einen gebrauchten
Bildschirm nicht unbemerkt auswechseln kann. In dem Augenblick, in dem ein
neuer Bildschirm auf Ihrem Schreibtisch steht, wird der Angreifer sich ebenfalls
einen baugleichen im Supermarkt besorgen, ihn entsprechend präparieren und das
neue Gerät gegen sein präpariertes austauschen. Die Austauschaktion dauert
übrigens etwa 90 Sekunden.
Machen Sie sich nichts daraus. Die letzten 500.000 Bildschirme, die irgendwo
installiert wurden, waren nicht präpariert und niemand hat den Defekt der
Vorgänger forciert.
Doch es ist klar, ein Bildschirm wird in der Regel nicht repariert, sondern
ausgetauscht. Die Wanze wird deshalb später nicht durch Zufall entdeckt. Ferner steht
ein Computerbildschirm immobil in der richtigen Entfernung zur Zielperson. Da
ein Bildschirm ständig mit Strom versorgt wird, ist es ein Leichtes, die Wanze
mittels Funksignal aus- und einschalten zu können. Während das Abhören wiederum
über ein moduliertes Signal mittels Stromleitung erfolgt. Sollten Sie Boss eines
Unternehmens sein und eine doppelt gepolsterte Bürotür als Statussymbol Ihr
eignen nennen, führen Sie vertrauliche Gespräche im Raucherraum der Arbeiter.
Dort gibt es auch einen Kaffeeautomaten. Sie erfahren dann mehrere Dinge
gleichzeitig:
1. Der Kaffee, den Sie Ihrem Personal gegen Geld anbieten, schmeckt
fürchterlich.
2. Der ausländische Arbeiter, der am Nebentisch eine Zigarette raucht, weiß
nichts von der
Desinformationsstrategie, dass bereits Passivrauchen schädlicher wäre als
Dieselruß.
3. Was für Sie wichtig ist, interessiert die Arbeiter überhaupt nicht.
4. Allerlei Störungen des Gesprächs sind kein Zeichen dafür, dass man abgehört
wird.
5. Ob Ihr Gesprächspartner oder sein Assistent übermorgen nicht den Inhalt
dieses vertraulichen Gesprächs an die Presse oder Konkurrenz verkauften, bleibt
Ihnen trotzdem verborgen.
Und haben Sie das verstanden, werden Sie zu der Erkenntnis kommen, dass es in
einer arbeitsteiligen Welt keinen Schutz vor Vertrauensbruch geben kann, aber
man diesem Aufsteller des Kaffeeautomaten mit einfachen Mitteln Dampf machen
könnte.