Das Abwehren von gegnerischer Spionage, Sabotage sowie der
Schutz des eigenen Nachrichtendienstes sind Aufgabe der Abwehrdienste.
Während es jeder Staat als legitim erachtet, dass sein
eigener Auslandsgeheimdienst in anderen Ländern Informationen sammelt oder
Operationen durchführt, versucht er im Gegenzug, diesbezügliche Tätigkeiten auf
seinem Territorium abzuwehren bzw. zu unterbinden.
In Deutschland wird »Geheimdienstliche Agententätigkeit« mit
Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft. Nach § 99 StGB genügt es, gegenüber
dem Geheimdienst einer fremden Macht sich bereitzuerklären, ihm Tatsachen,
Gegenstände oder Erkenntnisse zu liefern. Wohlgemerkt, der angeworbene Informant
liefert keine Staatsgeheimnisse oder dergl., es genügt, im Auftrag einer fremden
Macht auszukundschaften, ob z. B. der Nachbar täglich mit dem Auto oder mit dem
Fahrrad zur Arbeit fährt. Strafbar macht sich so auch der →
Kurier, der diese
Informationen überbringt.
An diesem Beispiel ist zu erkennen, dass Staaten bereits mit
sehr weit gefassten Strafvorschriften versuchen, jede Tätigkeit gegnerischer
Geheimdienste auf ihrem Territorium zu erschweren. Daraus ergibt sich, dass der
Agent nicht beim entsprechenden Geheimdienst angestellt ist, sondern, wenn
überhaupt, bei einer Tarnorganisation. Und ferner ist klar, dass jeder Agent
eine plausible offizielle Funktion (→
Legende) wahrnimmt, die vom Agentendasein weit
entfernt zu sein scheint. Nehmen also die eigenen Ermittler regelmäßig Spione
und Agenten fest, während das »böse« Ausland stets vollkommen unbedarfte und
unschuldige Journalisten, Industrie- und Handelsvertreter, Geologen und
Entwicklungshelfer verhaftet, so entspricht dies genau der beschriebenen
Tarnsystematik.
Passive Abwehr
Die jeweilige Spionageabwehr wird - ähnlich wie der
Brandschutz - einerseits passiv erfolgen. Das bedeutet, dass der Zugang zu
Staats- oder Wirtschaftsgeheimnissen (oder anderweitigen vertraulichen Daten) nur
Personen gewährt wird, die das entsprechende Vertrauen genießen, überprüft sind
und diese Informationen für ihre Tätigkeit auch benötigen. Wer sich den
alltäglichen Bürobetrieb vor Augen führt, wird sehr schnell erkennen, dass die
Interaktionen von Chef, Stellvertreter, Sekretärin, Sachbearbeiter, Fremdarbeiter,
Auszubildender, Volontär, Boten, Pförtner, Reinigungsdienst im Alltag sehr
komplex sind.
Menschen können aber nicht arbeiten und leben, muss ihr
Handeln stets von Misstrauen gegenüber dem Partner und Arbeitskollegen begleitet
sein. In der Praxis ist deshalb passive Spionageabwehr, die im Endeffekt von Laien
exekutiert werden muss, nur begrenzt praktikabel. Im Bereich der
Wirtschaftsspionage stehen dann Unternehmer = Laien, Geheimdienstprofis
vis-à-vis. Ein ungleicher Kampf, der regelmäßig verloren geht.
Der Roman
»Faule
Eier« behandelt u. a. den Fall organisierter
Wirtschaftsspionage. Konkurrenzunternehmen versuchen, über das Mittel der
Spionage Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Dazu auch das
Interview mit dem Autor, der nahezu sein gesamtes Leben in diesem
Bereich gearbeitet hat.
Abwehrdienste sind dann auch regelmäßig damit überfordert,
Staat und Wirtschaftsunternehmen passiv (durch Beratung etc.) umfänglich zu
schützen. Vergleicht man die passive Spionageabwehr mit einem
Wohnungstürschloss, so hält dies natürlich dann, wenn die Tür ins Schloss fällt
und der Schlüssel innen steckt, allen »Einbruchsversuchen« des
Wohnungseigentümers stand. Und weil es in den Kriminalfilmen so gut
funktioniert, zerstört man beim Öffnungsversuch regelmäßig noch die eigene Kreditkarte.
Stellt man sich jedoch vor, dass es keine Rolle spielt, ob das Schloss oder die
gesamte Tür anschließend kaputt ist, so hat auch das beste Schloss nur eine
→
Verzögerungszeit von wenigen Minuten. Macht man sich im anderen Fall bewusst,
dass man nicht jetzt sofort, sondern innerhalb des nächsten Jahres das
Hindernis zu überwinden hätte, so fächern sich die Möglichkeiten ins schier
Undenkbare auf.
Spionageabwehr ist deshalb nur zu verstehen, hat man
fundierte Kenntnisse über Spionage und die Möglichkeiten der Gegner.
Während beim gewöhnlichen Einbrecher der Aufwand im richtigen
Verhältnis zum erwartbaren Ertrag stehen muss, stehen hinter Spionen fremde
Mächte (Staaten oder Konzerne, wobei Konzerne oftmals auf die Hilfe der eignen
Geheimdienste zählen können). Die Kalkulationen unterliegen dann einer
wirtschaftlichen/politischen Gesamtrechnung. Der einzelne Aufwand wird in einem
strategischen, politischen Zusammenhang gesehen. Es geht somit ganz schnell
darum, »die Welt zu retten«, und plötzlich relativieren sich auch erhebliche Kosten.
Untersucht man das Weltgeschehen auf markant-ineffiziente Erscheinungen (mit
Kanonen auf Spatzen geschossen), so ist fast sicher ein Geheimdienst mit
verstrickt. Sind immense Summen Kopfgeld auf einen Verbrecher ausgeschrieben und
die Polizeibehörden drehen sich mit ihren Ermittlungen im Kreis, so gilt
das Gleiche.
Aktive Abwehr
Die entsprechenden Abwehrdienste konzentrieren sich in der
Regel auf die Schwachstelle, die jede Informationsgewinnung hat. Nach der
Informationsgewinnung muss sie nämlich zum Auftraggeber transferiert werden.
Das erscheint für Laien recht banal, weil sie ganze Bücher zur Tante ins Ausland
verschicken. Weil man auf jedem Bahnhof eine Zeitung aus dem Papierkorb fischen
kann, die ein anderer zuvor dort eingeworfen hat. Weil man über das Internet
alles mögliche verschicken kann. Und so ist es auch! Wenn kein konkreter
Verdacht besteht, tun sich Staaten, in denen die Freizügigkeit der Bürger
garantiert wird, in der Regel sehr schwer, aus der Vielzahl der Interaktionen
diejenige zu selektieren, welche die illegale Information enthält.
Gelingt es der Abwehr, z. B. einen →
Kurier zu enttarnen,
wird sie vermutlich ihn gewähren lassen, weil man durch seine Observation
bereits die Quelle und den Kontaktmann, Agentenführer etc. finden könnte. Aber
das ist nicht so einfach, denn für die →
Observation eines Profis benötigt man eventuell Monate, ohne einen Erfolg zu
verzeichnen.
Alle Geheimdienste haben deshalb Interesse daran, gegnerische
Dienste zu unterwandern. Denn irgendwie müssen alle Wege, seien sie noch so
verschlungen, wieder zurück in die gegnerische Zentrale kommen. Was liegt
also näher, als zu versuchen, einen hauptamtlichen
Innendienstmitarbeiter eines gegnerischen Geheimdienstes umzudrehen?
Die
Agenten des →
MfS, die man nach dem Zusammenbruch der DDR beim BND oder
beim Verfassungsschutz enttarnt hatte, wurden jedoch nicht
umgedreht, sondern hatten sich regulär bei den Diensten
beworben und eine entsprechende Karriere angestrebt. Gemessen
am Ergebnis, hatte sich die Abwehrabteilung des BND nicht mit Ruhm bekleckert.
Jeder →
Überläufer der Stasi wurde dann auch von einem
eingeschleusten Agenten im BND auf das
herzlichste begrüßt.
Das Spiel »Spion gegen Spion« ist Grundlage jeder
Geheimdienstarbeit. Wer es nicht immer wieder gewinnt, verheizt seine Agenten
und bleibt erfolglos. Was man selbst anstrebt, strebt immer auch die Gegenseite
an. Jeder Geheimdienstchef ist sich bewusst, dass er potentielle
Verräter
beschäftigt (es kommt eben auf die Perspektive an). Wer es nämlich gelernt hat, konspirativ zu arbeiten, ohne entdeckt zu werden, kann auch
konspirativ verraten, ohne enttarnt zu werden.
Hat man einen oder mehrere Agenten eingeschleust oder zu
Doppelagenten gemacht, kann
in Erfahrung gebracht werden, welche Informationen beim Empfänger ankommen und das potentielle Material am Objekt präparieren (→
Desinformation). Am selektiv präparierten Material wird sich dann der Spion vor
Ort verraten.
Die Organisation eines Geheimdienstes muss deshalb auch
innerhalb so
aufgebaut sein, dass möglichst wenige Personen den Gesamtzusammenhang der
Operation wissen. Auf keinen Fall darf ein Agent, der im Ausland arbeitet, über Wissen
verfügen, das über das für seinen Auftrag notwendige hinausgeht. Das Prinzip ist,
dass er bei einer Festnahme sich höchstens selbst verraten kann, nicht jedoch
Kollegen, Führungsoffiziere und andere gefährdete Personen.
So arbeitet dann die Abwehr mit mehr oder minder stark aufgeblähten
Observations- und Abhörteams, deren einzige Aufgabe es ist, die eigenen Kollegen
zu überprüfen. Die Suche nach persönlichen Schwachstellen (sexuelle Disposition,
Überschuldung, Spielsucht, psychische Probleme, Alkoholismus etc.) ergeben einen
Anfangsverdacht. Der
Profi unter den Doppelagenten wird derartiges aber wissen und eben nicht
auffallen. So ist es also ohne weiteres möglich, dass ein hochkarätiges
Observationsteam über vier, fünf Wochen den vollkommen unschuldigen Hauptabteilungsleiter der
eigenen Behörde observiert.
Denn wenn ich weiß, dass der andere weiß, wie ich reagiere, wenn er weiß,
dass ich weiß, was er weiß... (überlegen Sie sich das einmal zu Ende).