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- Geheimdienst - |
Ein Geheimdienst ist eine verdeckt operierende Behörde zur Gewinnung von
Informationen, ihrer Auswertung und ersten Analyse. (Die weitere Analyse und
Interpretation machen danach die Politiker.) Alle Nachrichtendienste handeln im
Auftrag
ihre Regierungen (Ggs. →
Wirtschaftsspionage)
und sollen diese über die außen- bzw. innenpolitische Lage, meist auf dem
Gebiet der Sicherheit und technologischen Entwicklung, informieren.
Da in vielen Ländern, so auch in Deutschland, schon das Sammeln von Information (was im Grunde jeder
Tourist macht) bereits dann verboten ist, erfolgt es durch
Geheimdienstmitarbeiter, wird ein Nachrichtendienst,
der im Ausland nicht verdeckt arbeitet, seine Auslandsmitarbeiter diplomatisch
akkreditieren lassen. Das bedeutet nicht, dass verdeckt
arbeitenden Geheimdienste in den jeweiligen Botschaften nicht zusätzlich
ebenfalls diplomatisch
akkreditierte Verbindungsleute haben. Im Kalten Krieg war es üblich, dass mit der
Festnahme eines Spions der ertappte Staat, in Ermangelung eines gleichrangigen
Erfolgs, ein paar Diplomaten zu unerwünschten Personen erklärte.
Das Sammeln von Information ist in der Regel bei allen Geheimdiensten banal. Man
liest Zeitungen, Telefonbücher, Parteiprogramme, Flugblätter, macht Fotos und
unterhält sich mit Journalisten, Politikern, Unternehmern und Taxifahrern. Die
daraus gemachten Analysen haben einiges gemeinsam: Sie stimmen oder sie stimmen
nicht und kosten eine Menge Geld. Und ist CNN in dem Land vor Ort, so kann man
auch deren Reportagen und Analysen (kostenlos) auf Band aufzeichnen, die
Ergebnisse sind nicht schlechter.
Ergänzt wird dieses Sammeln von Informationen durch
Abhörmaßnahmen, die mit
technischen Mitteln vom eigenen Staatsgebiet oder durch Satelliten zu
bewerkstelligen sind. Über die technischen Maßnahmen erhält man eine Masse von
Informationen, die auf Grund einer brauchbaren (!) Idee zur Selektion mehr oder
minder zum Datenmüll
verkommen. Es nutzt eben z. B. nichts, fängt man Telefongespräche zwischen dem
Ausland und dem eigenen Staat ab und zeichnet sie auf, wenn man keine Menschen
hat, welche die Sprache verstehen und die Kommunikation interpretieren können.
Die Auswertungen der »Zeitungsleser« im Ausland
sind jedenfalls nur geringfügig besser
als die eines heimkehrenden Touristen. Bei Analysen, wie Gorbatschow in der Sowjetunion einzuschätzen
war, ob die Mauer in Berlin gebaut wird bzw. wann sie fällt, ob man Flugzeuge
als fliegende Bomben verwenden kann, ob im Irak Giftgas hergestellt wird oder
nicht, überall zeigten sich die Geheimdienste unfähig bis inkompetent. Dabei ist
es sehr wohl möglich, dass irgendein Agent oder Team die Lage richtig
einschätzte, vielleicht sogar diesbezügliche Berichte schrieb. Da aber die
Leitung eines Geheimdienstes politisch besetzt ist, werden nicht ins Bild
passende Berichte unterdrückt. Wenn z. B. Saudi-Arabien eine Frau hinrichtet,
weil man sie der Hexerei für schuldig befunden hat, so wird es darüber im
Bundestag keine aktuelle Stunde geben und die Tagesthemen werden es nicht
berichten. Ob Deutschland im befreundeten Öl-Land überhaupt einen BND-Agenten
hat, ist mehr als fraglich.
Bis hierher sind die Ergebnisse also mehr als
bescheiden, weil Geheimdienste überfordert sind, sollen sie analysieren, was
noch nicht einmal die Politiker des jeweiligen Landes wissen. Und da man in der
Vergangenheit beachtliche Teile der Welt in ihren mittelalterlichen,
unaufgeklärten Strukturen beließ und nicht mit ziviler Hilfe zur Seite stand,
hat man sich Feinde gezüchtet, die aus der Perspektive der Zivilgesellschaft
irrational agieren.
Im Mittelpunkt guter Geheimdienstarbeit steht
nämlich der Mensch. Ob
man ihn überzeugen, bestechen oder nötigen will, ist nicht vorrangig, immer muss man
ihn zuerst verstehen. Verstehen tut man einen Menschen jedoch nicht, kann man
alle Gegenstände in der fremden Sprache benennen, sondern nur dann, wenn man
über seine Witze lachen kann und seine Vorlieben und Tabus kennt. Jeder
Hundehalter ist im Verhältnis zu seinem Tier, ist in dieser Hinsicht weiter als die Apparatschiks der
Geheimdienste, geht es darum, Menschen aus fremden Kulturen zu verstehen, um z.
B. über
Beziehungen, Netzwerke aufzubauen, die tragfähig sind.
Ein Spiegel dieser geheimdienstlichen, politischen
und militärischen Defizite sind Länder wie der Irak. Man baut einen medialen
Bedrohungspopanz auf (→
Desinformation), glaubt diesen anschließend selbst, interveniert militärisch und
bereits nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass man nur eine Strategie kennt:
Enthaupten! Man sprengt die Multiplikatoren der Gesellschaft in die Luft, löst
den Geheimdienst, die Polizei und das Militär des Landes auf, verfolgt die restlichen
Entscheidungsträger, um sie aufzuhängen, und hat als Ergebnis ein Heer von
arbeits-, beschäftigungs- und ziellosen Menschen, die nur noch hassen. Kein
Wunder, dass sich die Gebetssäle, Moscheen und Rekrutierungsbüros der
Volksverhetzter und Bandenchefs füllen und sich das Land nicht befrieden lässt.
Und so multiplizieren sich nach jeder Antiterroroperation die
Widerstandskämpfer.
So gut, wie ihr Ruf schlecht ist
Aber Geheimdienste verschaffen sich auch Informationen, die man nicht einfach
passiv einsammeln kann. Das sind pauschal jene Informationen, die dem Bürger des
jeweiligen Staates ebenfalls nicht zugänglich sind. Das fängt an bei den Daten
von Behörden, Unternehmen, Parteien, Politikern und privaten Personen, geht über
die nicht veröffentlichten Einschätzungen oder erarbeiteten Strategien von
Entscheidungsträgern einer Gesellschaft und endet beim gesamten polizeilichen und
militärischen Komplex eines Staates.
Natürlich denkt man bei der verdeckten Abschöpfung von Informationen zuerst an
den klassischen Spion, der die Wanze installiert, die Unterlagen kopiert, die
Daten der EDV-Anlagen zieht usw. Doch an Daten kommt man auch, indem man
irgendwo einbricht, jemand beraubt, erpresst oder ermordet.
Wer nun annimmt, das wären seltene Fälle, weil man nichts darüber in den
Massenmedien lese, irrt. Der Geheimdienstmann Eichenberger erklärt dies in
seinem Roman
»Der Siegermacher« wie folgt:
Operationen
werden so durchgeführt, dass der Verdacht der Leidtragenden auf andere fällt
oder die Verdächtigung als an den Haaren herbeigezogen erscheinen muss.
Bei Wohnungseinbrüchen werden Kriminelle aus dem entsprechenden Milieu
engagiert. Die klauen dann den Fotoapparat und das Bargeld und natürlich glaubt
derartigen Eierdieben, werden sie erwischt, niemand, dass sie für einen großen
Unbekanten noch ein paar Aktenordner gestohlen hätten. Wie auch, diese findet
der Hausmeister zwei Tage später unversehrt im Hausflur.
Bei Entführungen findet man das Opfer irgendwann im Stadtpark, betrunken und
eine Geschichte erzählend, die keiner Befragung standhält, oder von der Familie
wird scheinbar Lösegeld verlangt, aber nie kassiert. Und beim
Sprengstoffanschlag findet man natürlich das Bekennerschreiben einer
Terrororganisation.
Einbruch, Raub, Erpressung, Geiselnahme, Entführung, Mord gehören zu den
üblichen Mitteln, die Geheimdienste in ihrem Repertoire haben. Wann welches
Mittel angewandt wird, entscheidet sich nach dem Wert, den man dem verfolgten Operationsziel beimisst. Und natürlich kann nie auf einen Entweder-oder-Mechanismus spekuliert werden. Es ist ohne weiteres möglich, dass man bei der
Zielperson eine Agentin positioniert hat (z. B. die Freundin oder Sekretärin), in
deren Privat- oder Geschäftsräume eingestiegen wird und man anschließend noch
versucht, die Person zu vernichten. Und natürlich weiß die Agentin an der Seite
der Zielperson von den begleitenden Umständen nichts.
Wieder Eichenberger in seinem Roman im Zuge einer Analyse: »Auf
der anderen Seite sprach die deutsche Polizei von einem Verkehrsunfall. Das
mochte nichts heißen, bei professionellen Liquidationen ermittelte noch nie eine
Polizeibehörde wegen Mordes.«
James Bond mit seiner Lizenz zu töten ist so betrachtet keine
Fiktion, lediglich eine rechtsstaatliche Ungeheuerlichkeit, bedenkt man, dass
derartige Liquidationen ohne richterlichen Beschluss und in Europa mit Bruch der
jeweiligen Verfassungen erfolgen. Doch James Bond würde in der Realität
natürlich niemanden selbst töten. Gäbe es tatsächlich so einen Einzelkämpfer in
der Wirklichkeit, so wäre er viel zu kostbar, um über kurz oder lang in einem
ausländischen Untersuchungsgefängnis zu landen. Der reale James Bond hätte einen
bestimmten Auftrag, würde zu diesem Zweck mit Agenten befreundeter Dienste
zusammenarbeiten und die Liquidation in Auftrag geben.
Und je nachdem, welcher Staatsanwalt in welchem Land wegen Mordes, Folter oder
Entführung ermittelt, die Arbeitsteilung für die schmutzigen Angelegenheiten
macht es möglich, dass es stets die anderen waren. Und war es dann doch mal
jemand, dann war es mit Sicherheit jemand von niedrigem Dienstrang einer anderen
Organisation (Militärpersonal, Polizisten, Leute von privaten Sicherheitsdiensten). Das alles sind
aber keine Zufälle, sondern stets fester Bestandteil der jeweiligen operativen Planung.
Je begrenzter ein Auftrag, desto größer sind die
Erfolge. Wie in den Romanen von Eichenberger
ist es für die meisten Agenten von Geheimdiensten sehr wohl möglich, ihre
Aufträge zu erfüllen, ohne über Leichen zu gehen. Letzteres wäre zudem
irrational. Immer werden sie im
operativen Handeln und in ihren Entscheidungen weitgehend auf sich gestellt
sein. Da sie jedoch offiziell informell arbeiten (Tarnorganisation), können sie
sich persönlich nie vollkommen sicher sein, welche Aktion der Dienst noch decken
würde und welche nicht. So entsteht beim Handeln (zum Glück) eine gewisse Vorsicht. Trotzdem
werden oft allerlei Gesetze verletzt und wenn auch Drohung oder Nötigung nicht
an der Tagesordnung sind, so stehen derartige Maßnahmen immer latent als Option
zur Verfügung. Das Gleiche gilt für Bestechung. Man befindet sich stets im Ausland und vermeidet Kontakte zur Polizei.
Nur so kann man sich die Arbeit von Agenten vorstellen.
Es sind in der Regel weder Folterknechte noch Erpresser, geschweige denn
Mörder. Aber sie werden, unter dem Gesichtspunkt der jeweiligen Gesetze, zu so
etwas wie illegitimen Robin Hoods. Dem Autor ist dies bewusst. Doch er will nicht
nur spannende Geschichten schreiben (das ist Voraussetzung), sondern die
Hintergründe und Strukturen geheimdienstlicher Arbeit den Lesern nahe bringen.
Die geheimdienstlichen Operationen (mit enger
Zielsetzung) sind nicht nur in Eichenbergers Agentenromanen überwiegend erfolgreich, sondern auch in der realen Welt. Ob es
dabei um die Enttarnung von Steuerhinterziehern oder die Liquidation unliebsamer Politiker geht, ob
man sich in Bürgerkriege einmischt oder, weniger blutig, die ausländischen
High-Tech-Unternehmen ausspioniert:
Geheimdienste sind in derartigen Dingen so gut, wie ihr Ruf schlecht ist. Ob
jedoch eine erfolgreiche Operation politisch weise ist (rechtsstaatlich sauber
ist sie sowieso selten), ist eine vollkommen andere Frage.
Fraglicher Nutzen, bürokratische Monster
Unter bestimmten Voraussetzungen verhindern
Geheimdienste sogar Kriege. Man kann argumentieren, dass, wenn ein Geheimdienst über
den Zustand einer ausländischen Armee Meldung macht, die Politik sich nicht
bedroht zu fühlen braucht bzw. Vorsorge treffen kann. Doch ist die Meldung
falsch, verschlimmert man die Situation. Und ist der Empfänger dumm (es soll
vereinzelt schon vorgekommen sein), nutzt auch der intelligenteste Hinweis
nichts.
Stalin hat z. B. den Warnungen seines
Geheimdienstes vor Hitlers Offensivplänen keinen Glauben geschenkt. Aber die
US-Regierung und die Briten glaubten die irren Phantasiegeschichten der CIA in
Sachen Giftgas des Irak. Saddam Hussein dagegen glaubte sich von Agenten der CIA
umzingelt und nahm an, dass diese doch wissen müssten, dass er keine Aufrüstung
betriebe. In Wirklichkeit hatte man keinen einzigen Agenten in der Umgebung
Husseins positionieren können.
Der Auslandsgeheimdienst der DDR war z. B. sehr
erfolgreich. Aber was nutzte dies dem Land und seinen Bürgern? Und in Bezug auf
seine Aktivitäten nach innen sammelte das
MfS alles und somit nichts. Ein
künstliche Wirtschaftsordnung, in der die regierenden Dummköpfe glauben, sie
wüssten, was gut und wert wäre, wird immer einen solchen Geheimdienst benötigen. Denn
lässt man die Leute reden und machen, was sie wollen, wollen sie plötzlich diese
Wirtschaftsordnung nicht mehr.
So gesehen, sind Geheimdienste dem Grunde und dem
Grade nach stets auch Ausdruck der jeweiligen Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung.
Doch Geheimdienste sind immer auch Behörden. Der
Geheimdienstmann Eichenberger in einem Interview: »... in Wirklichkeit sind
Geheimdienste bürokratische Monster. Und ihre Mitarbeiter unterscheiden sich z.
B. von denen eines Finanzamts nur dahingehend, dass ihre Kantine nicht für die
Öffentlichkeit zugänglich ist.«
Da der Angestellte einer Behörde meist auch das
Produkt dieser ist und nur im geringen Maß die Behörde von den guten
Eigenschaften und Anlagen des Angestellten profitiert, bleibt der dumpfbackige,
schwerfällige Apparat erhalten. Grundlage jeder Bürokratie ist immer
Misstrauen. Der künstlich geschaffene Apparat soll nach den Buchstaben des
Gesetzes die ihm übertragenen Aufgaben erfüllen. Die Folgen sind ministeriale
Erlasse, Verordnungen, Dienstvorschriften und Ausführungsbestimmungen, in denen
jeder einzelne Schritt dem Behördenmitarbeiter vorgeschrieben wird. Und so
kämpft der Bürokrat gegen die Tücken der Vorschrift, des Dienstrechts, der
Beförderungssystematik und zuletzt gegen die feindliche Masse der Bürger, die
bereits das Formular nicht versteht, das man auf Grundlage dieser Vorschriften
erarbeitet hat. In allen Bürokratien steht der Mensch in seiner negativsten Form
im Mittelpunkt. Man misstraut dem Bürger und dem Beamten und dem Überwacher des
Beamten. Und der Bürger misstraut dem gesamten Apparat, dessen Vorschriften
einem Hase-und-Igel-Verhältnis ähneln. Egal auf welche Seite er flüchtet, jemand
ist schon da und kassiert ab.
Eine Reform scheint unmöglich zu sein, weil jede einzelne
Vorschrift für den Spezialisten eine logische Grundlage hat. Und so pflastern
sich die Staaten zu mit Problemen wie z. B. der »Örtlichen Zuständigkeit nach
der gesonderten und einheitlichen Feststellung von Besteuerungsgrundlagen«. Denn
welcher Bürger möchte schon, dass jemand seine Steuerzahlung einheitlich
festlegt, obwohl der Beamte örtlich nicht zuständig ist und er Anspruch auf eine
gesonderte Feststellung hätte?
So wie man einen Sherlock Holmes bei der
Kriminalpolizei nicht einstellen würde, wäre ein realer James Bond beim
Geheimdienst der erste Verdächtige. Und da er irgendeinen, ihm unbekannten
Vorgesetzten einmal nicht gegrüßt hätte, würde man ihn vermutlich in der
Abteilung Beschaffung einsetzen. Dort könnte er in Frieden sein Dasein fristen,
solange er seinen Urlaubs- und Kurantrag immer frist- und formgerecht
einreichte.
Übrigens: Auch der wahre James Bond des Films ist nicht frei
vor dümmlicher Einflussnahme der Kleinkarierten, Gutmenschen und Weltverbesserer. Nachdem er in
einem der neueren Filme eine Zigarre rauchte, schwollen die hysterischen Proteste
an. Den Kindern und Jugendlichen wäre er durch das Rauchen einer Zigarre ein schlechtes
Vorbild. Zerstückeln, köpfen, sprengen, hängen, verbrennen und erschießen darf er
aber noch.
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