Der Kurier transportiert die entsprechenden Informationen vom
Informationsgeber zum Empfänger. Da geheimdienstliche Nachrichtenbeschaffung aus
einer Perspektive heraus stets illegal ist, ist der Transport der Nachricht oft
die Schwachstelle, bei der die →
Abwehr erst
beweissichernd eingreifen kann.
Wer z. B. als Leiter eines Forschungslabors die Ergebnisse
der Arbeit durch Kopien sichert, ist eben noch kein Spion. Erst dann, wenn er
diese Kopien oder Daten an Unbefugte weitergibt, wird die Sache ernst und
strafbar. Weil aus bestimmten brisanten Materialien gefolgert werden kann, von
wem sie kommen, muss der Kurier sorgfältig ausgewählt werden.
Zu Kindern würde man sagen, sie möchten ja auf den Brief
aufpassen und ihn nicht verlieren. Aus der Sicht der Geheimdienste darf aber der
Kurier nicht aufgewertet werden und sollte möglichst von der Brisanz des
Materials nichts wissen. So wählt man, wenn es irgendwie möglich, tote Kuriere
aus.
Eisenbahnabteile waren z. B. zwischen der alten BRD und der
DDR ein effizientes Mittel. Der Agent verbunkert das Material an einer zuvor
vereinbarten Stelle im Waggon und verlässt den Zug weit vor der Grenze wieder.
Auf der Ostseite wurde das Material geborgen. Hier zahlte der Westen den Preis
für die politische Entscheidung, die Staatsgrenze zwischen der BRD und der DDR
nicht als solche anzuerkennen und seinerseits auf Grenzkontrollen zu verzichten.
Obwohl diese Grenze faktisch die Einflusssphären der Supermächte markierte.
Für einen einmaligen Kurierdienst ist dann auch jedes
beliebige Transportmittel denkbar. Voraussetzung ist, dass der Absender das
Material gefahrlos aufgeben kann und der Empfänger es ebenso gefahrlos in
Empfang nehmen kann. Sind regelmäßige Informationen und Materialien zu
transferieren, erhöhen sich die Risiken zunehmend. Denn ist der Kurier bzw. der
Weg des Kuriers dem abwehrenden Dienst bekannt, so ist die Quelle bereits
gefährdet und bald auch enttarnt.
Auf keinen Fall sollte der Kurier die Quelle kennen und ein
Kurier, der bereits weiß, dass er für einen Geheimdienst tätig ist (was nicht
sein muss), wird auf diese zusätzliche Information gerne verzichten. Denn im
normalen Leben ist Wissen Macht, bei Geheimdiensten ist Wissen stets auch
Potential, in Verdacht und damit in Gefahr zu geraten.
Natürlich bieten sich für den grenzüberschreitenden Transport
Diplomaten an. Diesen Weg wählen z. B. die Agenten in den Romanen des
Geheimdienstmannes
Eichenberger. Aber sie befinden sich im westlichen Ausland und müssen
regelmäßig nur den sicheren Transport des Materials gewährleisten. Trifft sich
Eichenbergers Protagonist
Richard
also mit dem Verbindungsmann des MI6 in irgendeiner britischen Botschaft, so ist
dieser Kontakt per se keine Gefahr. Ein britischer Staatsbürger besucht seine
Landesvertretung im Ausland. Träfe sich jedoch oben beispielhaft angeführter
Forschungsleiter mit einem chinesischen Diplomaten, so machte er das vermutlich
nicht oft und die Spionageabwehr würde sich mit ihm beschäftigen.
Wollen also Hinz und Kunz ihrer Tante in Amerika endlich
einmal mitteilen, dass in Deutschland an jedem parkenden Auto jemand vom
Ordnungsamt
steht, um mit Strafmandaten die Staatskasse aufzufüllen, so genügt wohl ein
Brief mit der Post. Will man den Chinesen ein Risotto-Rezept zuspielen, wird es
bereits gefährlich. Nicht, weil dies Geheimnisverrat wäre oder man sich
geheimdienstlicher Agententätigkeit schuldig machen würde, sondern weil man sich
durch den Kontakt mit dem chinesischen Diplomaten verdächtig machen könnte.
Fragt sich aber erst einmal die hiesige Abwehr, warum man
sich zwei Mal im Monat mit dem chinesischen Botschaftsattaché trifft, bekommt
sie auch heraus, dass Herbert Weizenbaum* der Schwager der Atomphysikerin Rita
Krause* ist.... Wohlgemerkt, weder Hinz noch Kunz müssen dies wissen, weil man
diesen Herbert* nur aus dem Tennisverein kennt, doch die Abwehr weiß es nicht.
Und bereits dies kann der Anfang einer sonderbaren Odyssee sein. Da die
Schlapphüte der Abwehrdienste nicht dumm sind, wird man irgendwann die
entsprechenden Ermittlungen einstellen. Doch in der Zwischenzeit wurde
observiert, abgehört und verdeckt befragt.
Im Interview zum Roman
»Faule
Eier« macht Eichenberger deutlich, wo die eigentlichen Spione zu treffen
sind und mit welcher Wahrscheinlichkeit man gegen heutige Wirtschaftsspione
Ermittlungsansätze finden könnte. Steht der Auftraggeber im Nadelstreifenanzug
beim Neujahrsempfang des Handelskammerpräsidenten, haben es die
Staatsanwaltschaften sehr schwer. Die Probleme etwaiger Kuriertätigkeit werden
damit zweitrangig. Es gibt grundsätzlich das Problem, dass unter dem Deckmantel
der Freundschaft spioniert wird, die Schäden immens sind und die
Staatanwaltschaften ohnmächtig.
→
Interview Eichenberger
Achtung! In vielen Ländern wird Reisenden (potentielle
Kuriere) die Verantwortung für ihr Gepäck auferlegt. Auch ohne dass der
Grenzbeamte ausdrücklich fragt, ob man seine Koffer selbst gepackt hätte, hat
man strafrechtlich zu verantworten, was sich im Gepäck befindet. Lassen Sie also
die eigenen Koffer und Taschen nicht aus den Augen, die Strafen wegen des
Versuchs von Drogenschmuggel sind in einigen Ländern fürchterlich.
* Namen frei erfunden