Geheimdienstagenten lügen nicht, sondern sagen die Wahrheit auf Grundlage
einer zuvor erarbeiteten Legende. Legenden in der Geheimdienstsprache sind, im
Gegensatz zur Lüge, nicht widerlegbare Behauptungen, wie wir an mehreren
Beispielen nachfolgend verdeutlichen. Ein derartiges Vorgehen wird auch einen
klassischen Lügendetektor überlisten, aber auch einen Scanner für Gehirnaktivität. Das
Prinzip lautet: Die Unwahrheit darf nicht komplexer als die Wahrheit sein.
Der ehemalige Geheimdienstmann
Eichenberger schreibt dazu in seinem Roman
»Der Siegermacher«
auf S. 322
folgendes:
... denn auch lügen musste gelernt sein.
Menschen lügen aus unterschiedlichen
Gründen. Manche lügen immer, ohne Not oder triftigen Grund, denen ist nicht zu
helfen und ihre Umgebung lächelt nur mitleidig. Andere lügen durch das Belassen
von Irrtümern und das Verschweigen von relevanten Tatsachen und Konsequenzen.
Das sind die Politiker und das apathische Volk straft sie nicht ab.
Die meisten Menschen lügen jedoch durch
aktive Falschaussagen, die alle nicht nur aus Kindertagen kennen. Es ist das
Abstreiten. Das Gegenüber erhebt einen Vorwurf bzw. verdächtigt den Lügner,
etwas bestimmtes getan zu haben. Mütter, Polizisten und Ehefrauen sind damit
konfrontiert.
Vorwurf: »Hast du dich wieder mit Rita
getroffen?« Antwort: »Nein, ich habe mich nicht mit Rita getroffen.«
Nun versucht man, mit frei erfundenen
zusätzlichen Lügen diese Falschaussage zu bekräftigen. Es wird ein ganzes
Lügengebäude errichtet: »Nein, ich habe mich nicht mit Rita getroffen, ehrlich,
du kannst mir glauben. Ich habe Rita schon vier Wochen nicht mehr gesprochen und
war gestern Abend mit Egon im Kino.«
All das macht die Lüge jedoch nicht
stabiler, sondern vergrößert die Möglichkeiten des Ermittlers, Gegenbeweise zu
liefern. Im letzten Fall muss nicht nur das eigene, sondern auch noch das
Lügenmärchen von Egon aufrechterhalten werden. Egon lügt jedoch nur aus
Freundschaft, wenn überhaupt. Er wäre der erste, der sich in Widersprüche
verwickeln würde, denn ihm fehlen meist alle weiteren Informationen, um flexibel
reagieren zu können. Profis versuchen deshalb, derartige Lügen zu vermeiden und
reduzieren die Falschaussage auf den zu verschleiernden Punkt. Eine sogenannte
Legende, auch ein einziges Alibi muss weitestgehend stimmen und einfach
überprüfbar sein. Gäbe man also die im Beispiel hinterfragte Begegnung mit Rita
zu und bestritte nur das, was Spekulationen oder Schlussfolgerungen sein mögen,
so kann ein Dritter die Sache nicht widerlegen. »Ja, ich bin zufällig Rita
begegnet. Sie hat mich dazu gedrängt, mit ihr doch einen Kaffee zu trinken.«
Damit sind alle Informationen, die Dritte
durch Zufall weitergeleitet haben könnten, vorsorglich eingeräumt. Jetzt gilt es
nur noch, Schlussfolgerungen und Spekulationen abzuwehren. Man müsste sich also
lediglich wiederholen mit: »Nein, so war es nicht.«
Die Grundsätze heißen somit: Streite nie
ab, was ein Dritter beobachtet haben könnte. Verneine lediglich die nicht
beweisbaren Spekulationen oder Schlussfolgerungen und seien sie noch so
einleuchtend. Bleibe dabei, auch wenn ein Kronzeuge (in diesem Falle wäre es
Rita selbst) das Gegenteil behauptet.
(Auszug: Heinrich Eichenberger: »Der
Siegermacher«; ISBN
978-3-926396-70-9; 19,00 Euro; alle Rechte vorbehalten)
Bei der geheimdienstlichen Arbeit muss folglich die Legende bereits stehen,
bevor man eine Aktivität beginnt. Trifft sich der Agent mit seinem
Führungsoffizier auf feindlichem Territorium, so muss unwiderlegbar feststehen,
warum man an diesen Treffpunkt erschienen ist. Gibt es im selben Haus z. B. ein
Fitnessstudio, muss der Agent dann in diesem auch erscheinen, will er behaupten, er
hätte das Haus betreten, weil er das Fitnessstudio besuchte.
Unsere Leser werden keine Geheimdienstagenten sein, deshalb noch ein Tipp für
Ehepartner auf Abwegen: Sind Seitensprünge keine einmaligen Sprünge zur Seite und
zurück, sondern arten zu »illegalen Liebschaften«
aus, lauert der »Verrat« bereits im Vorfeld. Der Mensch ist nämlich ein
Gewohnheitstier und sein Partner kennt unbewusst dieses Muster. Es beginnt bei der Körperpflege, geht
über die Bekleidung und gipfelt in der Intensität, mit der man einen bestimmten
Termin üblicherweise einzuhalten pflegt. Zwei Mal auf die Uhr zu blicken, geht
es zum angeblichen Bowlingabend, kann bereits das Muster sprengen. Etwas mehr
Aftershave fällt Ehefrauen garantiert auf. Und natürlich riechen sie das Parfüm
der anderen Frau.
Warum jemand plötzlich nicht mehr per Handy erreichbar ist, obwohl er dies
vorher immer war, wird zum weiteren Verdachtsmoment. Und natürlich spielt
Kommissar Zufall immer in die Hände der Betrogenen. »Neulich habe ich das Auto
von deinem Mann gesehen. Was macht der denn in Zehlendorf?«, schwatzt die
Freundin.
Wird der Idiotenlügner darauf angesprochen, streitet er dies ab und will glauben
machen, dass sich die Freundin irrte. So funktioniert das nicht. Denn Menschen,
die sich kennen, merken Nuancen von Unsicherheit sofort. Bevor man also in
Zehlendorf sein Auto parkt, muss klar sein, auf Grund welcher Legende man hier
etwas zu tun hatte.
Und hier noch ein Erlebnis, das uns ein Redakteur erzählte (nennen wir ihn
Albert): Albert hatte die Gewohnheit, durch offensives Auftreten nach dem
Motto, wo ich bin ist vorne, alles zu machen, was verboten war. Es wäre ihm also
nie eingefallen, mit der Freundin ein anderes Restaurant zu besuchen als mit
der Ehefrau. Das Personal der Restaurants bekam stets soviel Trinkgeld, dass so
»Kleinigkeiten« wie wechselnde Damen an seiner Seite sich überspielten. Eines
Tages bekam Albert eine Einladung zu einer Neueröffnung eines Restaurants
und nahm seine Freundin mit. Das Essen war gut und Albert sah keinen Grund,
diese Lokalität in Zukunft zu meiden. Zwei Wochen später betrat er deshalb mit
seiner Ehefrau das Restaurant und wurde vom Wirt auf das freundlichste begrüßt.
An der Garderobe meinte dann der Wirt: »Eine reizende Begleitung heute Abend.
Alle Achtung! Haben Sie eine neue Freundin?«
Da Schusswaffengebrauch in der Öffentlichkeit untersagt ist, reagierte Albert
verbal: »Sie irren, mein Freund! Das hier ist meine Frau, das
letzte Mal war es meine Freundin.«
Am Tisch fragte natürlich die Frau, was das denn jetzt gewesen sei und wer ihn
denn das letzte Mal begleitet hätte.
Albert zuckte mit den Schulter und lachte: »Kein Ahnung, wen dieser Idiot
meinte, der wird mich verwechselt haben. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass,
wenn ich eine Freundin hätte, ich so dumm wäre und mit dieser hierher kommen
würde?«
Konspiration hat eben viele Gesichter.