Unter Observation ist die Beobachtung eines Objekts, einer Person oder
eines Gegenstands zwecks Informationsgewinnung zu verstehen.
Man unterscheidet zwischen verdeckter und offener Observation.
Im Kriminalfilm klemmt sich der Gute dem Bösen an die Stoßstange und die
Observation wird zum großen Erfolg. Aber
selbstverständlich leben der Film, der Roman und natürlich die Seifenoper von der
personalisierten Identifikation. Und wenn es der Held in einer Geschichte noch
nicht einmal schaffen würde, einem anderen Auto hinterher zu fahren, verlöre er
schlagartig an Nimbus.
Was irgendwelche »Helden« heute tatsächlich schaffen,
ist leider nur, unbedarfte Putzfrauen zu observieren, um sie wegen Schwarzarbeit
anzuzeigen. Die größten Erfolge erzielten zu allen Zeiten Geheimpolizisten,
Schnüffler und selbst ernannte Kämpfer für die sog. gute Sache, indem sie
unbedarften Menschen solange nachschnüffelten, bis sie etwas gefunden hatten, um
sie zu brandmarken.
Schon die Observation von Gebäuden ist nicht einfach. Die damit
verbundenen Schwierigkeiten können sich bereits mit der Größe und Lage des
Gebäudes und der Zeitdauer der Observation potenzieren. Wenn ein Gebäude zwei
entgegengesetzte Zugänge hat, von denen z. B. der hintere zu einem Hofkomplex
führt, muss das Observationsteam verdoppelt werden. In einer Großstadt wie
Berlin hat schätzungsweise jedes zweite Gebäude einen Hinterausgang, der auf
eine Parallel- oder Nebenstraße führt.
Die Frage ist auch, ob die Observation auf dem Gebiet des eigenen oder eines
fremden Staates zu erfolgen hat. Im eigenen Land können sich Geheimdienstagenten
eventuell mit den Insignien von Behörden (Kriminalpolizei, Vermessungsamt etc.)
oder von Unternehmen (Fernmeldedienste, Wasserwerk etc.) tarnen. Im Ausland wäre
ein derartiger Versuch ein zusätzliches Risiko.
Je länger sich eine Observation hinzieht, desto notwendiger ist die Anmietung
von Räumen, in denen man Personal und Technik positionieren kann. Das Sitzen im
parkenden
Personwagen ist jedenfalls denkbar ungeeignet, weil es in jeder Stadt eine
Vielzahl von Personen gibt, die innerhalb kürzester Zeit damit beginnen, die Beobachter im
Auto zu beobachten. Zuerst sind es die Leute, die ihren Hund zwei, drei Mal am
Tag spazieren führen. Dann die Nachbarn, die skeptisch aus dem Fenster schauen.
Dann erregt man die Neugierde von Kindern. Irgendwann die von
Streifenwagenbesatzungen usw.
Spezielle Observationsfahrzeuge (Kastenwagen mit spezieller Technik für den
Ausgleich der Federung) erregen mit der Zeit bei den umliegenden Anwohnern
ebenfalls Interesse. Und irgendwann klopfen wieder die Kinder ans Blech des
Kastenwagens.
Gerade in Villengegenden, in denen sich nicht nur die Anwohner kennen, sondern
auch wissen, welche Farbe das Auto vom Milchmann hat, erfordern verdeckte
Observationen, sollen sie lückenlos sein, Teams zwischen 50 und 100 Personen.
Da Personal und Ressourcen begrenzt sind, erfolgen derartige Observationen mit
den Mitteln der Stichprobe. In Feindesland bleibt auch nicht viel anderes übrig.
Das Gebäude wird über Monate hinweg zu unterschiedlichen Tageszeiten zu Fuß, per
Fahrrad und mit dem Auto passiert und dabei stets verdeckt gefilmt. Es bedarf
wenig Phantasie, um zu ahnen, dass auch diese Prozedur sehr aufwändig ist und
das Observationsergebnis nicht optimal.
Bei der Observation von Personen benötigt bereits die Kriminalpolizei
drei Observationsteams mit jeweils mindestens fünf Mann. Die Kriminalpolizei hat
es jedoch in der Regel mit gewöhnlichen Menschen zu tun, die vielleicht
kriminell sind, aber keine Ausbildung in Konspiration haben. So schaute sich
der »schlaue Eddy« während seiner Karriere immer wieder einmal um, ob ihn
niemand verfolgte und kam dann zu dem Schluss, dass dies nicht so wäre. Und
Eddy hat wahrscheinlich auch Recht. Je wichtiger aber jemand für Ermittler bzw.
Agenten ist, desto professioneller wird eine Observation sein.
Bei der verdeckten Observation ist die lückenlose Verfolgung an
einem bestimmten Tag meist nicht wichtig. Ist dies doch der Fall, wird das Zielobjekt mit
mehreren Teams verfolgt und an zu observierenden Fahrzeugen arbeitet man mittels
Peilsendern, GPS, Ortung des Handys und anderer Technik. Der Profi wird jedoch
im entscheidenden Moment nicht mehr mit seinem, Dritten bekannten, Auto fahren und
kein Handy mit sich führen, sondern sich im entscheidenden Augenblick
eventuellen Verfolgern entziehen. Arbeitet die Zielperson mit Verbindungsleuten
am Ziel, so können diese die Straße quasi aus der Vogelperspektive ebenfalls
observieren. Erst dann, wenn die Zielperson zum Schein einige andere Gebäude
betreten hat, geben die Kontaktleute in der Wohnung auf der anderen Seite über
Funk oder vereinbarte Zeichen Entwarnung. Eben weil sich kein Zielobjekt in Luft
auflösen kann, gilt dies auch für die Schatten.
Die oben erwähnte stichprobenartige Observation funktioniert auch bei der
Beschattung von Personen. Man observiert eine Teilstrecke und nimmt an
darauf folgenden Tagen die Observation am Ende dieser Teilstrecke wieder auf.
Grundsätzlich ist es bereits für einen
Detektiv schwierig, einen einigermaßen aufgeweckten »Ehemann auf Abwegen«
verdeckt zu observieren. Ist man selbst auf Abwegen und Zielobjekt des
Ehepartners, sollte man einem entdeckten (und damit verbrannten) Detektiv
nicht entkommen wollen. Denn man kann ihn zur gewissenhaften Dokumentation der eigenen →
Legende benutzen. Doch Vorsicht! Es gibt unseriöse Schlapphüte in diesem Gewerbe, die
auf Grund des Erfolgszwang, den fotografierten Geschäftspartner an der Bar
herausretuschieren und eine Blondine einfügen. Die digitale Fototechnik verführt
förmlich zur Fälschung.
Die offene Observation wenden Geheimdienste an, stehen bestimmte Personen
im Verdacht der Agententätigkeit. Man hofft, das Zielobjekt wird verunsichert
und macht einen ihn enttarnenden Fehler (Aufbau einer Verbindung zum
Auftraggeber, Flucht etc.). Günter Guillaume, der für das →
MfS bis neben den
damaligen Bundeskanzler Willy Brandt positioniert werden konnte, wurde über
Monate offen observiert, als man den vagen Verdachtsmomenten etwas auf die
Sprünge helfen wollte. Auf eine derart plumpe Provokation fiel Guillaume jedoch
nicht herein. Als aber eines Morgens nicht der Milchmann, sondern Beamte des
Bundeskriminalamtes klingelten, erzählte er diesen, er wäre Bürger der DDR und
ihr Offizier. Jede Art von Schwatzhaftigkeit ist eben von Übel, denn die
Beweislage der Ermittler war mehr als dürftig.
Die Agentenromane von
Eichenberger beschäftigen sich immer wieder einmal mit dem Problem der
Observation, lesen Sie hier einen spezifischen Ausschnitt aus dem Roman
»Der
Siegermacher«:
... In der Mündung einer
Querstraße stand ein schwarzer Fiat im Halteverbot. Zwei Männer im Alter von 20
bis 35 Jahren vermieden sofort Richards Blick, als dieser sie frontal fixierte.
Zu allem Überfluss trugen diese Typen auch noch bei dem trüben Wetter dunkle
Sonnenbrillen. Nachdem der Engländer seinen Mietwagen auf dem Hof der Pension
abgestellt hatte, ging er in die Pension und kam nach wenigen Minuten auf die
Straße zurück.
Eine Observation ist nicht
einfach, spart man an Personal. Hätte sich Richard wieder in sein Auto gesetzt,
wäre die Sache für die Verfolger noch zu ertragen gewesen. Liefe er jetzt aber
zur nächsten U-Bahn-Station, so musste einer dieser Typen zu Fuß, mit einem
Handy bewaffnet, hinterher, während der andere mit dem Wagen überirdisch folgte.
Doch man kann nicht überall sein. Wechselt die Zielperson abrupt von der U-Bahn
in ein Taxi, ist das schöne Observationsteam schon auseinander gerissen.
Spätestens beim nächsten derartigen Wechsel hat man die Zielperson endgültig
verloren. Als es in den U-Bahnen noch nicht möglich war, mit dem Handy zu
telefonieren, waren die Observationsteams mit Funkgeräten ausgestattet, die
natürlich unterirdisch auch nicht funktionierten.
Richard hielt ein Taxi an und
gab dem Fahrer ein Zeichen, geradeaus zu fahren. Irgendwo an einer, wie es den
Anschein hatte, überfüllten Bar stieg er aus, schaute sich demonstrativ nach
beiden Seiten um und verschwand in dieser. Dort setzte er sich zu einem jungen
Mann an den Tisch und fragte, ob er Englisch könne. »A little bit«, meinte der
und das reichte, ihn mit Hilfe eines Stadtplans in ein intensives Gespräch zu
verwickeln. Richard zahlte seinen und den Kaffee des Belästigten, steckte ihm
noch eine Zwanzig-Euro-Note zu, beugte sich nach dem Verabschieden zu ihm
herunter und sagte, verschwörerisch um sich blickend: »Sie sprechen ein
ausgezeichnetes Englisch. Herzlichen Glückwunsch.«
Was sagt dazu das große
Observationslehrbuch der Nachrichtendienstschule? Es sagt, dass sich das
Observationsteam teilt, weil man ja wissen muss, mit wem sich die Zielperson
getroffen hat. Aber das Lehrbuch erwähnt nicht, dass man stets personell
unterbesetzt ist, weil der Finanzminister die Mittel knapp hält.
Als Richard die Bar verließ,
schlenderte er bis zur nächsten U-Bahn. Warum auch sollte dem übrig gebliebenen
Schatten dieses Kapitel erspart bleiben. Was hier das Lehrbuch empfahl, wurde
bereits beschrieben. Nur hat man, verlässt die Zielperson die U-Bahn, jetzt auch
kein Auto mehr. Das tat der Engländer dann auch und fuhr mit dem Taxi in die
Pension zurück...
(Auszug: Heinrich Eichenberger: »Der
Siegermacher«; ISBN
978-3-926396-70-9; 19,00 Euro; alle Rechte vorbehalten)