Ein sogenannter toter Briefkasten ist ein Versteck in Form
einer Öffnung oder eines Behältnisses, das als solches nur dem Absender und dem
Empfänger bekannt ist. Der Geheimagent gibt im feindlichen Ausland über eine
derartige Einrichtung seine Informationen weiter. Da Instruktionen von der
Zentrale an die Agenten verschlüsselt bzw. codiert über Radio gesendet werden
können, ist Kommunikation über tote Briefkästen nicht die Regel.
Die Spionageabwehr (→
Abwehr) hat es
in einer freien und offenen Gesellschaft ohne konkreten Verdacht sehr schwer,
geheimdienstliche Agententätigkeit zu enttarnen. Doch auch der beste Agent muss
seine gesammelten Informationen - sollen sie dem Auftraggeber nutzen -
abliefern. Das ist grundsätzlich eine Schwachstelle.
In Zeiten des Internets erscheint es einfach, alle möglichen
Daten um den Erdball kreisen zu lassen. Aber die führenden Geheimdienste
verfügen über mächtige personelle und elektronische Apparate, den Datenverkehr zu
überwachen. Es kommt nicht darauf an, dass jede Meldung mitgelesen werden kann,
sondern darauf, möglichst effektive Stichproben machen zu können.
Damit ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine verdächtige
Meldung abgefangen wird. Wird diese als geheimdienstliche Nachricht verifiziert,
stehen Absender und Empfänger bereits fest. Obwohl beide in irgendwelchen
Internetcafés sitzen können, hat man jetzt bereits die Örtlichkeiten und das
entsprechende Muster. Auch in
Großstädten wie Berlin ist es bei konkreten Anhaltspunkten für einen
Geheimdienst möglich, sämtliche Internetcafés bzw. öffentliche Terminals zu
überwachen. Das gleiche gilt für Postbriefkästen und Telefonzellen. Der
gewöhnliche Kriminelle hat in der Regel keine richtige Vorstellung darüber, mit
welchem Aufwand ein staatlicher Apparat arbeiten kann, während seine angewandten
Mittel stets einer Kosten-Nutzen-Abwägung unterworfen sein müssen.
Geheimdienste können sich nie sicher sein, ob Absender oder
Kurier oder Agentenführer, wenn nicht bereits abgeworben, so doch identifiziert
sind. Daraus ergibt sich, dass der Absender den Empfänger (als Kurier) nur dann
kennen muss, wenn es unbedingt notwendig ist. Hier ist der tote Briefkasten in Form eines Schließfaches,
eines Bücherstandes, eines Hausbriefkastens der entsprechende Anlaufpunkt
beider Seiten. Die entsprechende Stelle muss möglichst allgemein frequentiert
werden, sollte jedoch im Augenblick des Zugriffs vor möglicher Observation
geschützt sein.
Homepages und Chaträume können dann als Zeichengeber (Post im
Briefkasten) funktionieren. Derartige Vereinbarungen sind nicht dechiffrierbar. Ist z. B.
vereinbart, dass ein gewisser Jonny1_Bruster auf Welt.de zu einem Artikel einen
Kommentar schreibt, ist das siebte verwendete Wort ein zuvor vereinbarter Code,
ist dies nicht zu entschlüsseln.
Der BND erlaubte sich während des Kalten Krieges einmal die
Bequemlichkeit, ein und dieselbe Deckadresse für mehrere Agenten zu verwenden.
(Hier wurde also eine private Person dafür geworben, gewöhnliche Postsendungen
anzunehmen, die man dann abholte.) Als die DDR-Abwehr einem der Agenten auf der Spur war, lieferte man damit die
anderen Agenten mit ans Messer.
Der CIA ließ angeworbene DDR-Bürger aus dem heimischen
Schlafzimmer verschlüsselte Nachrichten funken. So war es für die gegnerische Abwehr nur eine Frage der
Zeit, bis die Sender geortet waren. Der tote Briefkasten oder der persönliche
Kontakt bedeutet nämlich auch eine große Gefahr für die Empfänger. Funksignale
im sicheren Westen zu empfangen, war da einfacher.
Agenten können sich deshalb nie sicher sein, ob nicht
irgendeine Anweisung des Apparats für ihre Sicherheit kontraproduktiv ist. Es
gilt, wie überall im Leben, mitzudenken, ggf. zu widersprechen. Hätte man für
sein Land gestern noch die Welt gerettet, wäre man heute für den Apparat
trotzdem nur eine ersetzbare Figur, wie jeder Beamte und Angestellte im
Öffentlichen Dienst nach ein paar Jahren leidvoll erkennen muss.