Der Begriff Verzögerungszeit kommt aus der Sicherheitstechnik
und wird als Größe für die Zeit verwendet, welche ein potentieller Täter
benötigt, eine - meist technische - Sicherheitseinrichtung zu überwinden.
Für ein Haus reduziert sich z. B. eine große Verzögerungszeit
der Eingangstür auf Null, steht rückseitig die Terrassentür offen.
Da im Bereich der Einbruchskriminalität die
»Fachleute«
abhanden gekommen sind, wird zunehmend nur noch gerammt, gesprengt und geschleppt. So
müssen sich Fachmärkte oder Juweliere in der Zwischenzeit fragen, wie lange man
benötigt, um mit einem mit einer Rammvorrichtung ausgerüsteten Auto in das
Geschäft einzudringen.
Im Gegensatz dazu stellt die eigene Tür für normale Bürger ein unüberwindbares
Hindernis dar, verlieren oder verlegen sie die Haustürschlüssel. Je nach
Qualifikation wird der herbeigerufene Schlüsseldienst seine Mühe
haben und in der Regel Teile des Schlosses zerstören.
Damit wird auch deutlich, dass sich die Länge der
Verzögerungszeit nach den Mitteln und Fähigkeiten richtet, die man zur Überwindung der Sicherung
anwendet. Da man mit Sprengen ganze Häuser zum Einsturz bringen kann, wird das
lauteste Mittel auch die entsprechenden Verzögerungszeiten minimieren. Bei
Sonderkommandos der Polizei wird diese Methode nicht selten verwendet.
Die auch im Internet beschriebenen Mittel des Lockpickings
erfordern durchgehend Training bis hin zur Kunstfertigkeit. Und natürlich
funktionieren sie nicht bei jedem Schloss.
Bei Unternehmen, die durch
Wirtschaftsspionage bedroht sind, richtet sich die Sicherheitsphilosophie
dann oft nach obigen Vorstellungen und Maßstäben. Man meint, wenn der
Schlüsseldienst bereits eine halbe Stunde benötigt, wären das Büro, der
verschlossene Schrank usw. sicher.
Wollen aber Geheimdienste in Wohnungen oder Geschäftsräume
eindringen, werden sie diese Aktion im Unterschied zum gewöhnlichen Kriminellen
sorgfältig planen. Ob sich der Geheimdienst im Ausland der Kleinkriminalität bedient oder
begrenzt angeworbene Fachleute beschäftigt, ist eine Frage der Strategie. Soll
bei verdeckten Raumüberwachungsmaßnahmen das Eindringen möglichst unauffällig
geschehen, wird man sich einer Legende bedienen wie z. B. Arbeiten an der Heizung, am
Stromzähler, an den Fenstern. Im eigenen Land werden Wanzen und andere Techniken
am unverdächtigsten dadurch installiert, dass der Wohnungsinhaber selbst die
Handwerker ruft. Man stört das Telefon, stellt den Strom ab etc. und da wird er
sich schon melden. Die »Handwerker« vom Geheimdienst tauschen dann das
entsprechende Gerät gegen eines mit Zusatzfunktion aus.
Besteht dauerhaftes Interesse, die entsprechenden Räume
unauffällig begehen zu können, wird man versuchen, einen Nachschlüssel
anzufertigen. Dazu muss man aber an die entsprechenden Schlüssel zumindest für
kurze Zeit kommen. Da auch Zielpersonen von gegnerischen Diensten oder vom
organisierten Verbrechen oft ein erschreckend geringes Sicherheitsbewusstsein
haben, liegen ihre Schlüsselbunde auf Bartresen, in Umkleideschränken von
Schwimmbädern und Saunen, stecken im manchen Fällen außen an der Tür usw. In
Unternehmen ist bereits das Wachpersonal eine potentielle Sicherheitslücke, denn
für jeden Geheimdienst ist es ein Leichtes, dort tüchtige und ins Profil
passende Agenten einzuschleusen. Was will man schon erwarten, zahlt man den
Wachleuten 7,50 Euro brutto die Stunde.
Grundsätzlich kann gesagt werden, dass ein einigermaßen
gesicherter Raum für Hinz und Kunz große Verzögerungszeiten birgt. Will man sich
aber gegen einen mächtigen Gegner wehren, ist dies ohne professionelle Hilfe, ständiger Wachsamkeit und
stetiges Misstrauen
gegen jedermann kaum möglich.
Vorsicht Falle
Der Geheimdienstmann Eichenberger im
Interview zu seinem Roman
»Faule Eier«
dazu: »Betrachten Sie einmal die Tür zu Ihrer Wohnung
und berücksichtigen Sie dabei die Tatsache, dass ein professioneller Einbrecher
die Fähigkeit besitzt, keine Spuren zu hinterlassen. Wenn überhaupt finden Sie
deshalb nur leichte Kratzer in der Nähe des Schließzylinders. Und genau diese
minimalen Spuren werden Sie heute Abend finden. Und befragen Sie daraufhin Ihren
Nachbarn, wird dieser jede diesbezügliche Beobachtung abstreiten. Klar: Der Typ
wird ja nicht zugeben wollen, dass er mit diesen Einbrechern unter einer Decke
steckt....«
Das Fazit gegen Paranoia und andere Wahnleiden kann nur
lauten: Der Schutz gegen gewöhnliche Einbrecher und Räuber ist für den normalen
Bürger der einzig
notwendige. An diesem mangelt es bereits bei über der Hälfte der
Privatwohnungen. Vor geheimdienstlichen Angriffen kann man sich nur mit
geheimdienstlicher Konspiration schützen. Und da man diese in der Regel nicht
beherrscht, sollte man nichts an Notizen und Unterlagen produzieren, die für die
Schlapphüte von Interesse sein könnten. Für den Privatgebrauch hat dies z. B.
zur Konsequenz, dass man keine (!) Schwarzgeldkonten im Ausland unterhält. Denn
zumindest die dortige Bank muss sich ja den Namen notieren. Und in dieser
Hinsicht sind für Geheimdienste Verzögerungszeiten von eins, zwei Jahren kein
Hindernis. Irgendwann ist der Geheimdienst in der Bank und kopiert oder
überspielt die Daten. Es ist aber auch möglich, dass man das Konto direkt bei
dem Bankangestellten eröffnet, der bereits auf der Gehaltsliste eines
Geheimdienstes steht.